In unserer alten Kita gab es eine Mutter, die war ständig heiser. Es genügte schon, wenn einer ihrer Sprösslinge die Jacke an den falschen Haken hängte oder sich ungefragt an der Bauklotz-Kiste bediente, und sie brüllte los. „Drei Jungs, das ist nicht leicht“, nahm ich sie in Schutz. Nahm mir aber gleichzeitig vor, selbst nie so zu werden.

Dann bekam ich noch einmal Nachwuchs: Zwillinge. Zwei weitere Jungs zu unserem damals gerade Vierjährigen dazu. Plus unsere Siebenjährige, ein kleiner Sturkopf. Als die Jüngeren mobil wurden, fühlte ich mich immer öfter an die Kita-Mutter erinnert.

Die Methode "Schreien" nutzt sich ab

Dabei schien es zunächst tatsächlich zu funktionieren, ab und an Dampf abzulassen. Wenn am Abend zum Beispiel ausgezogene Kleider in Lampen flogen, kollektiv das Zähneputzen verweigert wurde oder das Hochbett, in dem eigentlich meinen Vorlese-Geschichten gelauscht werden sollte, wackelte.

Wie die Erdmännchen sahen sie mich dann an, meine Vier. Das Chaos schien durchbrochen. Die Kleider kamen an ihren Platz. Die Zähne wurden geputzt, beziehungsweise ließ man sie fügsam putzen. Das Problem war aber: Die Methode nutzt sich ab. Und schon beim nächsten Mal muss man länger und lauter schreien, um durchzukommen.

Dynamisch und ideenreich in Kontakt mit unseren Liebsten sein

In so einer Phase fiel mir ein Buch in die Hände: „Erziehen ohne auszurasten“ . Inzwischen denke ich, dass weder Konsequenz noch sonst eine ausgeklügelte erzieherische Strategie der Schlüssel für ein harmonisches Familienmiteinander sind. Der Schlüssel, so die Quintessenz von vier Wochen Anti-Ausrast-Training, ist, dass wir dynamisch und ideenreich in Kontakt mit unseren Liebsten sind. Seither erlebe ich mich nicht als Ton angebende und Regeln aufstellende Instanz. Sondern als eine, die sich zunutze macht, was in meinem Fall eigentlich immer reichlich vorhanden war: Fantasie. Holen Sie sich jetzt das Buch “Erziehen ohne auszurasten: Wie ich aufhörte, meine Kinder anzuschreien – und wie Sie das auch schaffen” bei Amazon!

Doch zunächst vielleicht zum Hintergrund der Methode. Autorin Sheila McCraith, die selbst vier Kinder hat – alles Jungs! – und von ihren mütterlichen Schrei-Anfällen geheilt werden wollte, hatte einen Blog gestartet, in dem sie täglich ihr Verhalten dokumentierte: „365 schreifreie Tage“.

Der Trick mit dem orangenen Nashorn

Ein inspirierendes Symbol sollte ihr dabei helfen, die Herausforderung durchzuziehen. Die zündende Idee, welches es sein könnte, kam ihr, als eines ihrer Kinder in der Nase popelte. Nase, Nashorn… Beim Googeln erfuhr sie, dass die Dickhäuter von Natur aus ruhige, friedliebende Tiere sind, die aber ein aggressives Verhalten zeigen, wenn man sie ärgert. Bingo!

Die Autorin beschreibt, wie sie beschloss, kein normales, graues Nashorn sein zu wollen, sondern so warm und voller Liebe wie die Farbe Orange. Und wie aus all diesen Überlegungen das „Orange Rhino“ entstand – das orangefarbene Nashorn, Symbol für Dynamik, Wärme und Güte.

Kinder sind Seismographen

Sie bat ihre Jungs, jedes Mal, wenn ihre Mutter genervt oder motzig sei, ‚Orange Rhino’ zu sagen. Und startete das Manöver mit einer simulierten Schimpf-Attacke. „Orange Rhino! Orange Rhino!“ Wieso war sie nicht schon früher auf diesen Trick gekommen? Ihre Kinder liebten es, sich Schimpfwörter an den Kopf zu knallen. Arschgesicht. Popelnase. Schnell sei „Orange Rhino“ zum Lieblingsspiel geworden.

Und genauso schnell wurde das „orangene Nashorn“ auch bei uns zu Hause der Hit. Kinder sind Seismographen. Vielleicht auch, weil sie das schon tausendfach erlebt haben: wie es aussieht, wenn bei der Mama die Augenbraue hochgeht. Oder der Puls. Oder die Stimme. Während man als Mutter selbst viel zu sehr in sich gefangen ist, um für derartige Details Sensoren zu haben.

Für den inneren Cool-Down genügen wenige Sekunden

Ein herzhaft dahingeschmettertes „Nashorn“ hat dann einen ähnlichen Effekt wie das berühmte imaginäre Stopp-Schild, das Psychologen gern empfehlen, um automatisierte Verhaltensweisen zu unterbinden. Ein Milch-See auf dem Tisch, unerledigte Matheaufgaben oder der Klassiker, gerade bei den Kleinen: Klamotten, die hartnäckig nicht an den Körper wollen? Was brächte es, die eh schon schwierige Situation durch eigenes Laut-Werden noch anzuheizen?

Tatsächlich genügen für den inneren Cool-Down oft schon wenige Sekunden, habe ich festgestellt. McCraith empfiehlt, sich kurz von der Situation zu entfernen, nach nebenan zu gehen. In die Küche etwa, Stichwort Milch-See. Und dann? Küchenschrank auf, Schrei rein, Küchenschrank wieder zu. „Müsli hat keine Gefühle“, konstatiert McCraith. „Kinder schon.“

Mit den Kindern "tanzen", statt sie zu maßregeln

Ich denke mir, dass man die vielleicht nachvollziehbaren Gründe, die zur emotionalen Aufruhr geführt haben, dagegen abwägen muss, als immerzu brüllende Mutter noch Jahre später in der Erinnerung eines Kindes abgespeichert zu sein. „Im Leben geht es nicht darum, zu warten, bis das Gewitter vorbei ist, sondern zu lernen, im Regen zu tanzen“, singt die amerikanische Jazz-Legende Viviane Green – ein Zitat, dem McCraith in ihrem Buch eine ganze Seite widmet. Und das für mich fast zu einer Art Mantra geworden ist, seit ich vor 25 Tagen angefangen habe, mit Hilfe einer Strichliste schreifreie Tage zu dokumentieren.

Schließlich lässt das energiegeladene Naturell meiner Zwillinge kaum darauf hoffen, dass Szenen wie das Zu-Bett-Bringen in Bälde von sich aus ruhig und entspannt vonstatten gehen. Aber wenn ich bereit bin, mich auf das Temperament meiner Kinder einzulassen, wenn ich mit ihnen „tanze“, statt sie permanent maßzuregeln, dann tu ich mich leichter, definitiv.

Das N-Wort muss manchmal nicht mehr ausgesprochen werden

„Aber verstehen deine Jungs dieses „orangene Nashorn“ denn nicht als Freibrief?“, fragte mich eine Freundin. Nach dem Motto: Die könnten sich ja jetzt alles erlauben, wo sie wüssten, dass entsprechende Reaktionen ausblieben? „Tun sie nicht“, sagte ich und staune selbst darüber, wie kooperativ uns das Nashorn macht.

Beim Zähneputzen zum Beispiel: Nicht selten endete das Prozedere bei uns früher mit Kindern, die zappelnd in den Schwitzkasten genommen wurden, und einer Mutter, die das Ganze recht deutlich kommentierte. Jetzt muss das N-Wort manchmal schon gar nicht mehr ausgesprochen werden. Seit wir nach einem gelegentlichen kurzen Innehalten gemeinsam „Krieg“ gegen die Bösewichter Karius und Baktus führen, ist das abendliche Ritual das reinste Vergnügen. „Wollt ihr wirklich, dass diese widerlichen Kerle eure Zähne angreifen?“ Schon diese Frage genügt und es läuft bei uns im Bad.

Ja, Erziehung darf leicht genommen werden

Und auch sonst läuft es – besser als je zuvor. Dank sprechender Waschlappen und Socken, die jammern, wenn sie nicht an die Füße dürfen. Ideen, auf die man erst mal kommen muss, das stimmt. Aber das tut man, wenn man wohlwollend ist. Und eben nicht grundgenervt und mit latent gezücktem Zeigefinder unterwegs.

Genau darum geht es für mich beim Anti-Ausrast-Training: um eine Haltung, die man sich immer wieder neu ins Bewusstsein ruft. Ja, Erziehung darf leicht genommen werden! Ja, über sich selbst zu lachen ist dabei erlaubt! Die versteckte Kamera etwa ist neben dem Schrei-Schrank einer meiner Favoriten, wenn es anstrengend wird. Man solle sich vorstellen, man würde während seiner Ausraster beobachtet, rät McCraith. Tatsächlich verhindert das die sonst übliche Eskalation, als ich im Garten eine explodierte Windel finde – der Inhalt selbst gebauter Wasserbomben, wie ich erfahre.

Babyfotos der Kinder an Stellen platzieren, wo es oft knallt

Wer wird es wohl gewesen sein, der auf diese Idee kam? Da muss ich nicht lange nachdenken. Platz Eins in der Hitliste der Quatschmacher unserer Familie hält unser Jüngster. Frieders halb schuldbewusstes, halb grinsendes Zu-Boden-Schauen könnte mich jetzt eigentlich wieder auf die Palme bringen. Doch noch bevor irgendeines meiner Kinder wieder das Nashorn in mir enttarnt, tu ich etwas anderes: Ich lache herzhaft – denn genau das würde ich tun, sähe ich zum Beispiel die heisere Kita-Mutter in dieser Situation.

Nicht zu vergessen McCraiths Sofort-Maßnahme, wenn man trotz aller Bemühungen weiter zu explodieren droht. Ihr Tipp lautet: Babyfotos der Kinder an Stellen zu platzieren, an denen es oft knallt. „Sie erinnern Sie daran, wie verletzlich Kinder sind.“ Vor allem Frieder, vier Wochen zu früh geboren und damals winzig klein – mir das ins Gedächtnis zu rufen, reicht schon. Dann nehme ich den kleinen Kerl in den Arm. „Das ist dir jetzt ganz unangenehm, dass die Mama sich so ärgern muss, weil sie so viel aufzuräumen hat“, sage ich. Und höre ein leises, erleichtertes „Ja-aaa-ha“.

Wie oft zielt Kritik viel tiefer als sie eigentlich soll?

Und es klingt nicht nach einem Freibrief, dieses Ja, eher nach Mitgefühl und danach, dass man sich das nächste Mal vielleicht die Folgen des eigenen Tuns besser überlegt. Und dann kratzen wir gemeinsam die vollgesogenen Windelkristalle vom frisch gemähten Rasen, und die anderen helfen – freiwillig. Vielleicht, weil ich den letzten Rest Groll, der irgendwie doch noch in mir steckt, in ein Kauderwelsch verpacke, wodurch ein launiges Klima der Kooperation entsteht. Und nicht, wie sonst, ein reflexartiges Dagegen.

Von McCraith angeregt, finde ich immer neue Formen, um Kritik anzubringen: dichten, flüstern oder auch singen. Das mag albern klingen, es zieht aber – und am Ende bleibt weniger zerschlagenes Porzellan zurück. Denn, mal ehrlich, wie oft zielt Kritik viel tiefer als sie eigentlich soll? Sind es vor allem auch eigener Frust und Überforderung, die ungefiltert beim Anderen landen und entsprechend für Verletzung sorgen?

Zuständigkeiten werden vertauscht, Hierarchien untergraben

Gegen die Ohnmacht und die Gefahr des Kontrollverlusts hält das Anti-Ausrast-Training eine Art Abstandhalter parat: McCraith rät, Dinge, die nerven, mit dem Smartphone zu dokumentieren. Also knipse ich. Den Kaugummi am Kopfkissen. Die vor der Tür vergessenen Fußballschuhe. Gut möglich, dass man das Chaos am Ende trotzdem weiter selbst beseitigt – Fünfjährige und Kaugummientfernung, das ist keine gute Kombination. Dieser Moment aber, in dem man feststellt: Es gibt da etwas zwischen mir und der unerfreulichen Sachlage, und nun kommt es darauf an, dieses Dazwischen zu gestalten – der kann helfen.

Aus dieser Erkenntnis können sich so Sachen ergeben wie hochoffizielle Prämierungen derjenigen, die nie ihre Turnschuhe vor der Tür vergessen – inklusive Urkundenverleihung. Besser als jede verbale Züchtigung wirkt das, auch wenn das orangene Nashorn aus Pädagogen-Sicht wohl ein No-Go ist: Zuständigkeiten werden vertauscht, Hierarchien untergraben. „Deine Kinder erziehen dich also neuerdings?“, fragen manche. „Ja. Weil ich über keine andere Methode schneller ein Feedback bekomme, wenn eine Situation und vor allem mein Verhalten aus dem Ruder zu laufen drohen“, denke ich mir dann. Und dass ich es immer öfter schaffe, Selbiges rumzureißen.

Nicht in die Falle der Sofortmaßnahme Schreien tappen

Tatsächlich: Je länger die Liste wird, die nach 30 Tagen immerhin 28 Striche aufzeigt, desto mehr Ideen kommen einem. Statt wie sonst den Antreiber zu spielen, wenn die Kinder an den Tisch kommen sollen, fragt man sie: „Wer traut sich an die Cornflakes?“ Und prompt haben alle eine Gaudi. Auf dem Weg vom Bad zum Bett „reiten“ die Jungs auf einem fliegenden Teppich: einer Decke, auf der ich sie den Flur entlang ziehe. Das ist ein wenig anstrengend, garantiert aber, dass niemand trödelt und alle pünktlich abreise- beziehungsweise bettfertig sind.

„Boah, kostet das alles Kraft“, fand die Freundin, der ich von meinen Experimenten erzählte. Und dass das doch sicher mehr als herausfordernd sei, sich ständig Neues auszudenken und nicht in die Falle der Sofortmaßnahme Schreien zu tappen. „Kraft kostet es“, sagte ich, „das ist richtig. Aber die spare ich ja jetzt an anderer Stelle ein. Seit ich nicht mehr brülle.“

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