FOCUS Online: Herr Anders, Ihr neues Album heißt „Ewig mit dir“ – was möchten Sie Ihren Fans damit vermitteln?

Thomas Anders: Ich möchte meinen Fans und Menschen, die diese Art von Musik schätzen und lieben, eine positive Botschaft senden. Das entspricht auch meiner Lebenseinstellung.

FOCUS Online: Angenommen, Sie dürften die Plattenkritik selbst schreiben. Was stünde drüber?

Thomas Anders: Dass es ein positives Album ist, das meinem Alter und meiner Lebensgeschichte entspricht. Ich möchte mit meinen Songs für gute Laune sorgen, habe aber nicht den Anspruch, die Welt verändern zu wollen. Das machen schon andere Künstler und Politiker (lacht). Ich möchte einfach nur, dass die Menschen durch meine Musik eine gute Zeit verbringen. Ich nehme mich selbst nicht zu wichtig und sehe meine Lieder dementsprechend auch nicht als zu gewichtig. Ich mache Unterhaltung und habe mir nicht auf die Fahne geschrieben, dass es allen besser geht, wenn sie nur mein neues Album hören. Den erhobenen Zeigefinger spare ich mir gern – es soll einfach Freude machen. Ich werde jetzt nicht missionarisch durch die Welt ziehen oder Ratgeber schreiben, wie man sein Leben verbessern kann. Musik ist meine Sprache, und meine positive Grundeinstellung möchte ich über das Album transferieren. Die Songs kann dann jeder so interpretieren, wie er mag und es für richtig hält.

FOCUS Online: Ihr Song „Hätt's nie ohne Dich geschafft“ ist in Zusammenarbeit mit Gregor Meyle entstanden. Welche Botschaft steckt dahinter?

Thomas Anders: Gregor und ich haben uns vor einigen Jahren kennen gelernt und obwohl wir so unterschiedlich sind, verstehen wir uns ausgesprochen gut. Mit ihm kann ich mich stundenlang unterhalten und über Genuss, Essen, Wein und natürlich Musik philosophieren. Ich hatte ihm erzählt, dass ich für mein Album auf der Suche nach neuen Songs bin und er hat mich dann zu sich nach Hause eingeladen, um gemeinsam etwas zu schreiben, dann sind wir ins Studio gegangen. Das Lied habe ich für meine frau geschrieben. Es war nicht die Grundvoraussetzung, dass es ein Liebeslied werden soll – es hat sich in der gemeinsamen Arbeit dann so gefügt. Ich habe Gregor erzählt, dass ich beruflich sehr viel unterwegs bin und er sagte, ja, aber du hast doch auch noch einen privaten Teil. Lass uns dazu was machen – zum privaten Thomas. Ich finde, der Text ist einfach typisch Gregor: so erfrischend, der Titel ist zwar umgangssprachlich, trifft meine Aussage aber auf den Punkt. Und obwohl es ein Liebeslied ist: Es ist weder zu kitschig, noch zu schwülstig. obs/Sky Deutschland/Stephan Pick FOCUS Online: Früher haben Sie hauptsächlich auf Englisch gesungen, seit eineinhalb Jahren ausschließlich auf Deutsch. Woran liegt’s?

Thomas Anders: Ich singe immer noch auf Englisch, für meine internationalen Fans. In den letzten Jahren wurde ich oft von meinen deutschen Fans gefragt, ob ich nicht auch einmal Songs auf Deutsch machen würde. Ich habe das zunächst abgelehnt, das ist nicht meins. Ich bin lange als englischsprachiger Künstler erfolgreich gewesen. Aber trotzdem hat mich dieser Wunsch nicht losgelassen. Ich habe dann zunächst sehr geschwankt, in welche Richtung ich gehen will – soll ich Singer-Songwriter-Nummern spielen oder sehr balladesk werden. Was möchte ich ausdrücken? Das war ein sehr langer Entwicklungsprozess in meiner deutschsprachigen Musik. Dann kam der erste Song Ende 2016: „Der beste Tag meines Lebens“. Und ich muss sagen, da fühlte ich mich wohl, das hatte eine Leichtigkeit. Das Lied hat meine Lebenseinstellung wiedergespiegelt, ohne erhobenen Zeigefinger.

FOCUS Online: Noch vor gut zehn Jahren galt es als spießig, deutsche Musik zu hören. Und heute?

Thomas Anders: Die deutsche Musik hat sich sehr positiv entwickelt. Einer der Vorreiter auf dem Gebiet ist definitiv Xavier Naidoo. Denn er vermittelt eine sehr modere Form der deutschen Sprache. Wenn Sie früher deutsche Songs gehört haben, triefte das aus allen Ecken. Es wurde jede Insel in der Südsee besungen, es war schmalzig und kitschig. Das war alles andere als cool. Und vieles galt damals auch als unsingbar.

FOCUS Online: Was hat sich Ihrer Erfahrung nach im letzten Jahrzehnt verändert?

Thomas Anders: Was sich verändert hat, ist die Sprache in den Songs, sie ist jünger geworden. Ein Beispiel: Wenn ich einen deutschen Text aus meinem neuen Album auf Englisch übersetzen und singen würde, wäre es ein Pop-Schlager. Nehme ich „Cherry Cherry Lady“ von Modern Talking und singe ihn auf Deutsch, wäre es ein Schlager. Da sieht man, was dreißig Jahre Musikgeschichte verändern können. Dazu kommt eine progressivere Form der Produktion. Es ist heute alles viel mehr durchgestylt. Vor zehn Jahren hätten wir uns auch noch nicht vorstellen können, dass mal 60.000 Menschen zu Helene Fischer ins Stadion gehen würden. Die deutsche Musik ist ein ganzes Stück weit mehr sexy geworden.

Gorbatschow verhalf Modern Talking zum internationalen Durchbruch

FOCUS Online: Wie erklären Sie sich eigentlich Ihren großen Erfolg in Russland?

Thomas Anders: Ich hatte das Glück, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, wie das oft so ist. Beziehungsweise wir, das war zu Modern-Talking-Zeiten. Alles hängt mit Gorbatschow zusammen, er war ja ein sehr westlicher russischer Präsident. Er hat damals gemerkt, dass das System kollabiert und man sich gegenüber dem Westen öffnen muss. In Russland hätten die Menschen natürlich nie öffentlich aufbegehrt, aber sie standen im Supermarkt nun einmal vor leeren Regalen, im ganzen Land hat sich eine gewisse Unzufriedenheit breit gemacht. Die Russen sind nicht ins Rebellentum geflüchtet, das wäre in der Sowjetunion fatal gewesen. Aber Gorbatschow hat diese schlechte Stimmung zur richtigen Zeit bemerkt. Er hat beschlossen, sich politisch und wirtschaftlich gegenüber dem Westen zu öffnen. Dazu gehörte dann auch, Musik von „drüben“ hören zu dürfen. Westliche Musik gab es sonst ja nur unter der Ladentheke. Und Ende der 80er Jahre waren wir mit „Modern Talking“ die Nummer Eins in den europäischen Charts. Was wichtig war: wir haben keine politischen Texte gesungen. Die russische Plattenfirma hat sich dann eine entsprechende Lizenz für unsere Songs gekauft. Es wurde weiter nicht groß monetär vergütet, aber wir haben allein in Russland 100 Millionen Tonträger verkauft. dpa/Roland Witschel Das war gestern und kommt wohl nie wieder: das deutsche Pop-Duo Modern Talking mit Thomas Anders (l) und Dieter Bohlen. FOCUS Online: Und heute?

Thomas Anders: In jedem russischen Haus steht durch unseren früheren Erfolg noch heute mindestens eine Schallplatte von mir. Das Faszinierende ist: Wenn ich jetzt sozusagen in der Neuzeit dort Konzerte gebe oder bei Partys auftrete, kommt anschließend immer jemand zu mir, der sagt, mit Modern Talking fing bei uns ein neues Zeitalter an – wir waren plötzlich frei, da hat sich ein Schalter umgelegt. Die UdSSR ist kollabiert, alles fing neu an. Für die Russen ist meine Popularität von damals nach wie vor erhalten. Auch nach der Trennung von Modern Talking trete ich noch bewusst gerne in diesem Land auf. Wenn ich zum Beispiel in einer Talkshow auftrete, schauen da teilweise 26 Millionen Menschen zu. Das ist doch Wahnsinn – so viele schauen in Deutschland nicht einmal gleichzeitig Fernsehen (lacht).

FOCUS Online: Sie sind seit über 35 Jahren erfolgreich im Musikgeschäft. Wie hält man so lange durch?

Thomas Anders: Das hängt immer mit dem Geschmack der Menschen zusammen und dem jeweiligen Zeitgeist, der sich über die Jahre verändert. Als Künstler, als Musiker muss man darauf bedacht sein, neue Trends zu setzen und bei Trends mitzugehen, ohne sich selbst zu verleugnen. Außerdem braucht man reichlich Disziplin, man darf nicht arbeitsscheu sein, und muss auch Risiken eingehen. Dazu braucht es ein Verständnis für die Branche, was Marketing angeht. Ich kenne keinen Künstler, der sich auf seinem ersten Erfolg von vor über 40 Jahren ausruht. Man darf sich seines Erfolgs nie zu sicher sein. Man muss immer an sich selbst arbeiten, kritisch sein, immer besser werden. Und wenn man heute eine Castingshow gewinnt, heißt das erstmal gar nichts. Die Arbeit beginnt da doch erst richtig. Wer sich auf seinem Erfolg ausruht, wird nie etwas werden.

"Ich muss keine Kandidaten runterputzen, damit die Quote stimmt"

FOCUS Online: A propos Casting: Sie sitzen für Sky in der „X-Faktor“-Jury…

Thomas Anders: Ich bin in der Jury ja tatsächlich der Älteste und gebe meine Erfahrung gerne weiter. Das ist etwas sehr Schönes, Lebenserfahrung an junge Generationen weiter geben zu dürfen. Wenn ich mich im Castingprozess gegen einen Kandidaten entschieden habe, versuche ich aber zu erklären, warum. Mir ist es wichtig, keinen im Regen stehen lassen zu müssen. Und wenn man noch im TV eine Absage kassiert, tut es doppelt weh. Daher ist eine gute Begründung sehr wichtig. Meist war es so, dass die Kandidaten noch zu jung waren und weiter an sich arbeiten mussten. Ich habe oft gefragt: Sei ehrlich, wie hat dir selbst dein Auftritt gefallen? Und wenn als Antwort „schlecht“ kam, dann weißt du, dass der Kandidat auf der Bühne nichts verloren hat. Sky/UFA Die neue Jury von „X Factor“: Sido, Lions Head, Jennifer Weist und Thomas Anders

FOCUS Online: Fällt es Ihnen schwer, schonungslos ehrlich mit den jungen Talenten zu sein?

Thomas Anders: Nein, mit meinen 55 Jahren muss ich keine Rolle mehr spielen oder mich verstellen. Ich muss keine Kandidaten runterputzen und für die Kamera noch einmal extra draufhauen, damit die Quote stimmt. Das machen andere in anderen Shows, ich habe das nicht nötig. Man kann auch auf einer ganz sachlichen Ebene Kritik üben. Wenn man als Juror extra provoziert, merkt man der Sendung auch an, dass es nicht mehr um die Musik geht – sondern um die Hervorhebung der Juroren.

FOCUS Online: Sie sagten vor einiger Zeit, Sie würden sich wünschen, dass Ihr Sohn beruflich nicht in Ihre Fußstapfen tritt. Warum das?

Thomas Anders: Das ist richtig. Weil ich möchte, dass er glücklich ist.

FOCUS Online: Sie wirken mit Ihrer Musik aber äußerst glücklich.

Thomas Anders: Ich bin auch ein sehr glücklicher Mensch! Die Krux ist nur, dass er immer mit mir verglichen werden würde. Alle würden ständig fragen: Wird er einmal so erfolgreich sein wie sein Vater? Sein Name würde wohl immer mit meinem in einem Satz erwähnt werden. Ich möchte nicht, dass er „der Sohn von“ ist, ich möchte, dass er um seiner selbst willen wahrgenommen wird. Leider geschieht das bei Kindern von Prominenten so gut wie nie. Nehmen Sie Cindy Crawford als Beispiel: Da hieß es zu Beginn der Modelkarriere ihrer Tochter immer: Ist Kaia so schön wie ihre Mutter? Das ist doch grausam. Wie soll sich ein junger Mensch so entwickeln können?

FOCUS Online: Was würden Sie gerne in den kommenden Wochen über sich selbst in der Zeitung lesen?

Thomas Anders: Dass ich meine Sache ganz gut mache und das mit Leidenschaft. Ansonsten wünsche ich mir, dass ich mit Respekt behandelt werde. Und wenn nicht: Ich habe beruflich schon alles überlebt.

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